Am 9. Juli 1894 kommt in Leobschütz in Schlesien Friederike Elfriede Goldmann zur Welt. Sie wächst mit zwei älteren und zwei jüngeren Geschwistern in einer jüdischen Familie auf. Aus einem Brief ihrer Schwester lässt sich erkennen, dass sie in der Familie „Frieda“ gerufen wird. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Putzmacherin (heute Modistin), doch wird sie nie in ihrem Beruf tätig.
Elfriede ist fast zwanzig Jahre alt, als der Erste Weltkrieg beginnt. Später wird sie einmal auflisten, wie „Deutschland treu“ ihre Familie ist, um ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk zu beweisen.
„Mein Großvater Simon Goldmann war 1870/71 in Frankfurt für Deutschland im Krieg. Mein Vater Siegfried Goldmann hat im Weltkrieg die Verwundeten vom Bahnhof mit dem eigenen Gespann geholt und in die Lazarette gefahren und bekam dafür den schlesischen Adlerorden. Mein Bruder Oskar Goldmann ist im Weltkriege mit 24 Jahren in Frankreich gefallen wie auch drei meiner Vettern. Ich selbst habe 1921 zur Abstimmung in Leobschütz deutsch gestimmt, als durch Volksentscheid die Zugehörigkeit von Leobschütz zu Deutschland oder Polen bestimmt werden sollte. Meine Tochter war damals ein Jahr und das zweite unterwegs und trotz dem ich krank war, bin ich von Spremberg nach Leobschütz gefahren.“1 (Das Zitat wurde für bessere Verständlichkeit angepasst.)
In der Zeit des Ersten Weltkrieges lernt Elfriede auch Bruno Rulla kennen. Bruno ist in (Alt-)Haidemühl, Drebkau und Weißwasser aufgewachsen. Als 17-Jähriger hat er seine Elektrolehre abgebrochen und sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet. In einem Liebesbrief schreibt Elfriede nach dem Krieg an Bruno:
„Mein liebes Männe! […] Weißt Du mein Lieber, ich wünsche mir, daß unsere gegenseitige Liebe für immer so wie sie jetzt ist, bestehen bliebe. Und hoffe es auch bestimmt. [...] Schlimm kann es ja nicht werden, die Angst hat sich bei mir schon etwas gelegt; denn Du hast mir ja versprochen bei mir zu bleiben.“2
Elfriede erwähnt auch Zweifel und Vorbehalte, die ihre Nachbarin und ihre Familie gegenüber Bruno hegen. Doch ein halbes Jahr später – am 22. Dezember 1919 – heiraten die beiden in Leobschütz.3 Elfriede ist im sechsten Monat schwanger. Sie ziehen nach (Bad) Muskau, wo ihre beiden Kinder, Lieselore und Hans-Joachim, zur Welt kommen.4 Spätestens 1924 zieht die Familie nach Trattendorf in die Kraftwerkstraße 36, denn Bruno hat Arbeit im Kraftwerk gefunden. Elfriede betreibt ein Radiogeschäft - Radio Rulla am Spremberger Südbahnhof. Eine Zeitzeugin erinnert sich, dass Elfriede später aus ihrem Küchenfenster selbstgemachte Bonbons an Kinder verkaufte.
Als 1932/33 die nationalsozialistische Ideologie in Deutschland bereits weit verbreitet ist, will Bruno seine sogenannte Mischehe mit einer Jüdin nicht mehr führen. Er sucht einen Rechtsanwalt auf, um sich scheiden zu lassen. Dieser erklärt ihm allerdings, dass die Tatsache, dass Elfriede Jüdin ist, nicht als Scheidungsgrund ausreiche. Es beginnt ein jahrelanger Ehestreit und Scheidungsprozess. Elfriede wirft ihrem Ehemann eine Affäre vor, die von mehreren Zeug*innen gestützt werden kann. Bruno sieht in seiner Ehefrau den Grund für das Scheitern seiner Karriere. Tatsächlich wird ihm 1935 im Kraftwerk gekündigt. Bruno wird der Sabotage verdächtigt. Er sei dazu fähig, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. Gleichzeitig erhält er keine Erlaubnis, sich mit einem eigenen Geschäft in Spremberg selbständig zu machen. Schließlich kann er aber das Radiogeschäft seiner Frau im Zuge der “Arisierung“ des Einzelhandels übernehmen.5
In einem Brief schreibt Elfriedes jüngste Schwester Ella an sie:
„Liebe Frieda! […] Du sollst Dir aber sofort einen tüchtigen jüdischen Anwalt nehmen, der weiß alles genau. […] Wenn Bruno Meister wäre, hätte er die Genehmigung bekommen, ein Geschäft auf zu machen, denn er war Frontsoldat und er ist doch deutsch. Selbst die Juden, die Frontsoldaten waren, haben doch die Geschäfte und die Rechtsanwälte sind doch auch zugelassen. Das Judentum ist nur Ausrede. […] Bruno wird wegen der Klage wegen dem Judentum abgewiesen werden, aber was wird dann werden? Er wird Dich schikanieren, aber wird Dir kein Geld geben.“6
Ella wird 1941 im Alter von 43 Jahren im Ghetto Kaunas von den Nationalsozialisten ermordet.7
Elfriede findet einen tüchtigen jüdischen Anwalt: Hermann Hammerschmidt aus Cottbus. Fünf Jahre kämpft er für ihre Rechte. 1944 wird auch er ermordet. Ein STOLPERSTEIN erinnert in Cottbus in der Bahnhofstraße 62 vor seiner ehemaligen Kanzlei an ihn.
Im März 1937 wird bereits Brunos 4. Scheidungsklage gegen Elfriede abgewiesen. Sie hat viele Menschen gefunden, die zu ihren Gunsten aussagten. Aus Trattendorf die ganze Tuchmacherfamilie Raunick, die Postbeamtin Teske, der Weber Hanko, der Bauer Gröger, Frau Nakoinz und Frau Bratfisch, dazu noch Frau Kulan aus Zerre, der Klempnermeister Geißler aus Spremberg und der Freund ihrer Tochter, der Ölmüller Albert Matk. Bruno muss die Prozesskosten tragen. Zuletzt hatte er versucht durch ein Schreiben an den Reichsjustizminister noch Unterstützung zu finden. Doch schließlich hat sogar ein Mitglied der SA, Richard Groba, gegen Bruno Rulla vor Gericht ausgesagt.8 Sofort meldet Bruno ihn bei SA-Obersturmbannführer Hentschel:
"Es ergibt sich der seltene Fall, dass ein Angehöriger der SA, welche den Kampf gegen das Judentum auf ihren Fahnen führt, eben dieses Judentum vor Gericht beschützt."9

Trotz der gescheiterten Klage dürfen Bruno und Elfriede nun in getrennte Haushalte ziehen. Elfriede zieht mit den Kindern in die Wilhelmstraße 9. Eine Zeitzeugin erinnert sich, dass das Haus in einem schlechten Zustand war und sich dort 13 Familien ein Klosett auf dem Hof teilen mussten. Da Elfriede keinen eigenen Verdienst mehr hat, klagt sie Unterhaltszahlungen von Bruno ein, die sie auch bekommt.10

Dabei muss sie aber die Kosten für ihren Rechtsanwalt Hammerschmidt selbst tragen. In einem Breif an ihn, entschuldigt sie sich für die verspätete Ratenzahlung:
„Es geht auf den Winter zu, brauche Kohle und Kartoffeln. Habe aber in Cottbus Winterhilfe beantragt.“11
Im Januar 1938 muss Elfriede wegen einer Operation mehrere Wochen ins Cottbuser Krankenhaus. Mit Bruno vereinbart sie deshalb, dass ihr Sohn Hans erst mal bei ihm wohnen solle. Auch Lieselore wird ausziehen, und zwar in eine eigene Wohnung. Ihre Arbeitgeberin drängt sie dazu, nicht länger in Gemeinschaft mit ihrer jüdischen Mutter zu leben. Besuche und Einladungen Elfriedes an ihre Kinder versucht Bruno zu unterbinden, aber erfolglos. Vor Gericht sagt er aus, dass manchmal Lieselore bei ihm erscheine und zu Hans sage:
“Du sollst zur Mutti kommen, es gibt Pudding.“
Elfriede erkundigt sich 1940 beim Palästina-Amt über ihre Möglichkeiten zur Ausreise aus Deutschland. Vom Amt wird ihr mitgeteilt, dass eine Emigration nach Palästina illegal sei, aber von den deutschen Behörden geduldet werde. Das ist für Elfriede keine Option. Trotzdem vermacht sie ihren Kindern schriftlich ihren gesamten Besitz, „falls ich eines Tages mal abgeholt werden sollte“12, wie sie vor Gericht aussagt. Bruno aber nutzt diese Informationen, um erneut eine Scheidungsklage einzureichen. Er begründet diesen zweiten Versuch eben damit, dass Elfriede sich nicht um die Kinder kümmere und auswandern wolle, also an einer Ehe nicht mehr interessiert sei. Elfriede, mittlerweile völlig verarmt, kann sich ihren Rechtsanwalt nicht mehr leisten. Dieser beantragt Armenrecht für sie, damit er ihr zugeordnet werden kann und nimmt die Gegenklage auf, bevor er sicher sein kann, dass er für seinen Dienst bezahlt wird. In der Gegenklage führen sie auf, dass Bruno das Briefgeheimnis verletzt habe, indem er ihre Post vom Palästina-Amt öffnete, ein Verhältnis mit einer neuen Frau habe und dass sie mehrere Schriftstücke vorlegen könne, in denen er seinen Hass auf sie, seine Ehefrau, als Jüdin kundtut. Ihr Rechtsanwalt argumentiert, dass Bruno in seinem Judenhass eigentlich froh sein müsse, dass die Kinder dem Einfluss der Mutter entzogen seien oder dass sie auswandern wolle. Seine Klage sei also inkonsequent.13
Das Urteil vom Cottbuser Gericht wird am 29. März 1940 verkündet. Darin steht zu den judenfeindlichen Bemerkungen:
“Diese Bemerkungen zeigen, dass nicht nur bei dem Kläger jede eheliche Gesinnung erloschen ist, dass er sogar bewusst darauf ausgegangen ist, die Beklagte, die immerhin noch seine Ehefrau und die Mutter seiner Kinder war, auf das Tiefste zu kränken.“14

Rechtsanwalt Hammerschmidt schreibt daraufhin an Elfriede:
„In Ihrer Ehescheidungssache hat das Gericht die Ehe […] geschieden und Ihren Ehemann für den allein schuldigen Teil erklärt und ihm die Kosten auferlegt. Das Gericht hat allein schon die Postabschnitte mit seinen beleidigenden Bemerkungen als genügenden Grund zum Schuldausspruch angesehen […].“15

Doch Elfriede erreicht dieses Schreiben nicht mehr. Sie befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer Zelle im Rathaus von Spremberg. Es ist das dritte Mal, dass sie aus fadenscheinigen Gründen verhaftet wurde. Dieses Mal soll eine Nachbarin, Frau Kühn, Elfriede einen Brief eines Soldaten in Spremberg gebracht, und Elfriede soll daraufhin den Soldaten zu einem Rendezvous gebeten haben. Wie solche Infos an die Polizei gekommen sind, ist fragwürdig und unklar. Die Ermittlungsakten, die in den Gerichtsakten noch erwähnt werden, sind verschollen. Doch der Soldat, Frau Kühn und Elfriede Rulla werden alle mit dem Vorwurf der versuchten Rassenschande verhaftet. Ob Frau Kühn und der Soldat bestraft wurden, ist bisher unbekannt.16
Die Rathauszelle, in der Elfriede inhaftiert wird, bestand laut einer Zeitzeugin aus nur einem Raum: darin der Schreibtisch für den Wachtmann und die Zelle. Nach 20 Tagen Haft nimmt sich Elfriede dort angeblich das Leben. Sie ist 45 Jahre alt. In ihrem Sterbeeintrag wird vermerkt: „Selbstmord durch Erhängen“ in den frühen Morgenstunden „zwischen 5 bis 7 Uhr“17. Es ist der 10. April 1940 – der Geburtstag von Elfriedes Mann Bruno. Was tatsächlich in der Zelle vonstatten ging, wird vermutlich nicht in Erfahrung zu bringen sein. Einen Tag später wird das Scheidungsurteil an Elfriede zugestellt. Durch ihren Tod wird es anschließend als wirkungslos beschlossen.18
Am 13. April 1940 wird Elfriede auf dem Waldfriedhof beerdigt.
Am 5. Oktober 2022 wurde in Spremberg durch den Künstler Gunter Demnig der erste STOLPERSTEIN verlegt: für Elfriede Rulla. An der Verlegung nahmen ca. 150 Personen teil, darunter viele Schülerinnen und Schüler.
Am 17. September 2024 wurden für die Geschwister Lieselore und Hans Rulla in Spremberg STOLPERSTEINE neben dem Stein ihrer Mutter verlegt.
| 09.07.1894 | Geburt – in Leobschütz, Schlesien |
| 1913 | Putzmacherlehre |
| 22.12.1919 | Eheschließung – mit Bruno Rulla in Leobschütz |
| 1920 | Umzug nach Muskau |
| 21.03.1920 | Geburt – von Tochter Lieselore |
| 18.09.1921 | Geburt – von Sohn Hans-Joachim |
| 1924 | Zuzug – nach Spremberg, Eröffnung Radiogeschäft |
| ab 1933 | 3 Scheidungsversuche des Mannes, angeblich aus "Rassegründen" |
| 1935 | Ehemann verliert aus Diskrimierungsgründen Arbeit im Kraftwerk |
| 01.06.1935 | Ehemann übernimmt im Zuge der "Arisierung" des Einzelhandels ihr Radiogeschäft "Radio-Rulla" |
| Februar 1937 | SA-Mitglied Richard Groba sagt vor Gericht zu ihren Gunsten aus |
| 03.03.1937 | 4. Klage auf Ehescheidung gegen sie wird abgewiesen, aber Erlaubnis für getrennte Haushalte |
| Januar 1938 | Operation im Cottbuser Krankenhaus, Verarmung |
| 05.04.1938 | erfolgreiche Unterhaltsklage gegen ihren Mann |
| 06.02.1940 | Erkundigung über Ausreise nach Palästina, Überschreibung ihres Besitzes an ihre Kinder |
| 10.02.1940 | 5. Scheidungsklage ihres Mannes, Gewährung des Armenrechts für Gerichtskosten |
| 20.03.1940 | Denunziation, 3. Verhaftung in Spremberg |
| 02.04.1940 | Ehescheidung vor Gericht, Ehemann alleinschuldig gesprochen |
| 10.04.1940 | Todestag – in einer Zelle im Rathaus Spremberg |
| 13.04.1940 | Beisetzung auf dem Waldfriedhof |
| 04.10.2022 | Stolpersteinverlegung – in der Geschwister-Scholl-Straße Ecke Karl-Marx-Straße |
| Rulla, Lieselore | Tochter |
| Rulla, Hans-Joachim | Sohn |
| Geschwister-Scholl-Straße 09 und 10 | letzter Wohnort, STOLPERSTEIN |
| 09.07.1894 | Geburt – in Leobschütz, Schlesien |
| 1913 | Putzmacherlehre |
| 22.12.1919 | Eheschließung – mit Bruno Rulla in Leobschütz |
| 1920 | Umzug nach Muskau |
| 21.03.1920 | Geburt – von Tochter Lieselore |
| 18.09.1921 | Geburt – von Sohn Hans-Joachim |
| 1924 | Zuzug – nach Spremberg, Eröffnung Radiogeschäft |
| ab 1933 | 3 Scheidungsversuche des Mannes, angeblich aus "Rassegründen" |
| 1935 | Ehemann verliert aus Diskrimierungsgründen Arbeit im Kraftwerk |
| 01.06.1935 | Ehemann übernimmt im Zuge der "Arisierung" des Einzelhandels ihr Radiogeschäft "Radio-Rulla" |
| Februar 1937 | SA-Mitglied Richard Groba sagt vor Gericht zu ihren Gunsten aus |
| 03.03.1937 | 4. Klage auf Ehescheidung gegen sie wird abgewiesen, aber Erlaubnis für getrennte Haushalte |
| Januar 1938 | Operation im Cottbuser Krankenhaus, Verarmung |
| 05.04.1938 | erfolgreiche Unterhaltsklage gegen ihren Mann |
| 06.02.1940 | Erkundigung über Ausreise nach Palästina, Überschreibung ihres Besitzes an ihre Kinder |
| 10.02.1940 | 5. Scheidungsklage ihres Mannes, Gewährung des Armenrechts für Gerichtskosten |
| 20.03.1940 | Denunziation, 3. Verhaftung in Spremberg |
| 02.04.1940 | Ehescheidung vor Gericht, Ehemann alleinschuldig gesprochen |
| 10.04.1940 | Todestag – in einer Zelle im Rathaus Spremberg |
| 13.04.1940 | Beisetzung auf dem Waldfriedhof |
| 04.10.2022 | Stolpersteinverlegung – in der Geschwister-Scholl-Straße Ecke Karl-Marx-Straße |
Am 9. Juli 1894 kommt in Leobschütz in Schlesien Friederike Elfriede Goldmann zur Welt. Sie wächst mit zwei älteren und zwei jüngeren Geschwistern in einer jüdischen Familie auf. Aus einem Brief ihrer Schwester lässt sich erkennen, dass sie in der Familie „Frieda“ gerufen wird. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Putzmacherin (heute Modistin), doch wird sie nie in ihrem Beruf tätig.
Elfriede ist fast zwanzig Jahre alt, als der Erste Weltkrieg beginnt. Später wird sie einmal auflisten, wie „Deutschland treu“ ihre Familie ist, um ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk zu beweisen.
„Mein Großvater Simon Goldmann war 1870/71 in Frankfurt für Deutschland im Krieg. Mein Vater Siegfried Goldmann hat im Weltkrieg die Verwundeten vom Bahnhof mit dem eigenen Gespann geholt und in die Lazarette gefahren und bekam dafür den schlesischen Adlerorden. Mein Bruder Oskar Goldmann ist im Weltkriege mit 24 Jahren in Frankreich gefallen wie auch drei meiner Vettern. Ich selbst habe 1921 zur Abstimmung in Leobschütz deutsch gestimmt, als durch Volksentscheid die Zugehörigkeit von Leobschütz zu Deutschland oder Polen bestimmt werden sollte. Meine Tochter war damals ein Jahr und das zweite unterwegs und trotz dem ich krank war, bin ich von Spremberg nach Leobschütz gefahren.“1 (Das Zitat wurde für bessere Verständlichkeit angepasst.)
In der Zeit des Ersten Weltkrieges lernt Elfriede auch Bruno Rulla kennen. Bruno ist in (Alt-)Haidemühl, Drebkau und Weißwasser aufgewachsen. Als 17-Jähriger hat er seine Elektrolehre abgebrochen und sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet. In einem Liebesbrief schreibt Elfriede nach dem Krieg an Bruno:
„Mein liebes Männe! […] Weißt Du mein Lieber, ich wünsche mir, daß unsere gegenseitige Liebe für immer so wie sie jetzt ist, bestehen bliebe. Und hoffe es auch bestimmt. [...] Schlimm kann es ja nicht werden, die Angst hat sich bei mir schon etwas gelegt; denn Du hast mir ja versprochen bei mir zu bleiben.“2
Elfriede erwähnt auch Zweifel und Vorbehalte, die ihre Nachbarin und ihre Familie gegenüber Bruno hegen. Doch ein halbes Jahr später – am 22. Dezember 1919 – heiraten die beiden in Leobschütz.3 Elfriede ist im sechsten Monat schwanger. Sie ziehen nach (Bad) Muskau, wo ihre beiden Kinder, Lieselore und Hans-Joachim, zur Welt kommen.4 Spätestens 1924 zieht die Familie nach Trattendorf in die Kraftwerkstraße 36, denn Bruno hat Arbeit im Kraftwerk gefunden. Elfriede betreibt ein Radiogeschäft - Radio Rulla am Spremberger Südbahnhof. Eine Zeitzeugin erinnert sich, dass Elfriede später aus ihrem Küchenfenster selbstgemachte Bonbons an Kinder verkaufte.
Als 1932/33 die nationalsozialistische Ideologie in Deutschland bereits weit verbreitet ist, will Bruno seine sogenannte Mischehe mit einer Jüdin nicht mehr führen. Er sucht einen Rechtsanwalt auf, um sich scheiden zu lassen. Dieser erklärt ihm allerdings, dass die Tatsache, dass Elfriede Jüdin ist, nicht als Scheidungsgrund ausreiche. Es beginnt ein jahrelanger Ehestreit und Scheidungsprozess. Elfriede wirft ihrem Ehemann eine Affäre vor, die von mehreren Zeug*innen gestützt werden kann. Bruno sieht in seiner Ehefrau den Grund für das Scheitern seiner Karriere. Tatsächlich wird ihm 1935 im Kraftwerk gekündigt. Bruno wird der Sabotage verdächtigt. Er sei dazu fähig, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. Gleichzeitig erhält er keine Erlaubnis, sich mit einem eigenen Geschäft in Spremberg selbständig zu machen. Schließlich kann er aber das Radiogeschäft seiner Frau im Zuge der “Arisierung“ des Einzelhandels übernehmen.5
In einem Brief schreibt Elfriedes jüngste Schwester Ella an sie:
„Liebe Frieda! […] Du sollst Dir aber sofort einen tüchtigen jüdischen Anwalt nehmen, der weiß alles genau. […] Wenn Bruno Meister wäre, hätte er die Genehmigung bekommen, ein Geschäft auf zu machen, denn er war Frontsoldat und er ist doch deutsch. Selbst die Juden, die Frontsoldaten waren, haben doch die Geschäfte und die Rechtsanwälte sind doch auch zugelassen. Das Judentum ist nur Ausrede. […] Bruno wird wegen der Klage wegen dem Judentum abgewiesen werden, aber was wird dann werden? Er wird Dich schikanieren, aber wird Dir kein Geld geben.“6
Ella wird 1941 im Alter von 43 Jahren im Ghetto Kaunas von den Nationalsozialisten ermordet.7
Elfriede findet einen tüchtigen jüdischen Anwalt: Hermann Hammerschmidt aus Cottbus. Fünf Jahre kämpft er für ihre Rechte. 1944 wird auch er ermordet. Ein STOLPERSTEIN erinnert in Cottbus in der Bahnhofstraße 62 vor seiner ehemaligen Kanzlei an ihn.
Im März 1937 wird bereits Brunos 4. Scheidungsklage gegen Elfriede abgewiesen. Sie hat viele Menschen gefunden, die zu ihren Gunsten aussagten. Aus Trattendorf die ganze Tuchmacherfamilie Raunick, die Postbeamtin Teske, der Weber Hanko, der Bauer Gröger, Frau Nakoinz und Frau Bratfisch, dazu noch Frau Kulan aus Zerre, der Klempnermeister Geißler aus Spremberg und der Freund ihrer Tochter, der Ölmüller Albert Matk. Bruno muss die Prozesskosten tragen. Zuletzt hatte er versucht durch ein Schreiben an den Reichsjustizminister noch Unterstützung zu finden. Doch schließlich hat sogar ein Mitglied der SA, Richard Groba, gegen Bruno Rulla vor Gericht ausgesagt.8 Sofort meldet Bruno ihn bei SA-Obersturmbannführer Hentschel:
"Es ergibt sich der seltene Fall, dass ein Angehöriger der SA, welche den Kampf gegen das Judentum auf ihren Fahnen führt, eben dieses Judentum vor Gericht beschützt."9

Trotz der gescheiterten Klage dürfen Bruno und Elfriede nun in getrennte Haushalte ziehen. Elfriede zieht mit den Kindern in die Wilhelmstraße 9. Eine Zeitzeugin erinnert sich, dass das Haus in einem schlechten Zustand war und sich dort 13 Familien ein Klosett auf dem Hof teilen mussten. Da Elfriede keinen eigenen Verdienst mehr hat, klagt sie Unterhaltszahlungen von Bruno ein, die sie auch bekommt.10

Dabei muss sie aber die Kosten für ihren Rechtsanwalt Hammerschmidt selbst tragen. In einem Breif an ihn, entschuldigt sie sich für die verspätete Ratenzahlung:
„Es geht auf den Winter zu, brauche Kohle und Kartoffeln. Habe aber in Cottbus Winterhilfe beantragt.“11
Im Januar 1938 muss Elfriede wegen einer Operation mehrere Wochen ins Cottbuser Krankenhaus. Mit Bruno vereinbart sie deshalb, dass ihr Sohn Hans erst mal bei ihm wohnen solle. Auch Lieselore wird ausziehen, und zwar in eine eigene Wohnung. Ihre Arbeitgeberin drängt sie dazu, nicht länger in Gemeinschaft mit ihrer jüdischen Mutter zu leben. Besuche und Einladungen Elfriedes an ihre Kinder versucht Bruno zu unterbinden, aber erfolglos. Vor Gericht sagt er aus, dass manchmal Lieselore bei ihm erscheine und zu Hans sage:
“Du sollst zur Mutti kommen, es gibt Pudding.“
Elfriede erkundigt sich 1940 beim Palästina-Amt über ihre Möglichkeiten zur Ausreise aus Deutschland. Vom Amt wird ihr mitgeteilt, dass eine Emigration nach Palästina illegal sei, aber von den deutschen Behörden geduldet werde. Das ist für Elfriede keine Option. Trotzdem vermacht sie ihren Kindern schriftlich ihren gesamten Besitz, „falls ich eines Tages mal abgeholt werden sollte“12, wie sie vor Gericht aussagt. Bruno aber nutzt diese Informationen, um erneut eine Scheidungsklage einzureichen. Er begründet diesen zweiten Versuch eben damit, dass Elfriede sich nicht um die Kinder kümmere und auswandern wolle, also an einer Ehe nicht mehr interessiert sei. Elfriede, mittlerweile völlig verarmt, kann sich ihren Rechtsanwalt nicht mehr leisten. Dieser beantragt Armenrecht für sie, damit er ihr zugeordnet werden kann und nimmt die Gegenklage auf, bevor er sicher sein kann, dass er für seinen Dienst bezahlt wird. In der Gegenklage führen sie auf, dass Bruno das Briefgeheimnis verletzt habe, indem er ihre Post vom Palästina-Amt öffnete, ein Verhältnis mit einer neuen Frau habe und dass sie mehrere Schriftstücke vorlegen könne, in denen er seinen Hass auf sie, seine Ehefrau, als Jüdin kundtut. Ihr Rechtsanwalt argumentiert, dass Bruno in seinem Judenhass eigentlich froh sein müsse, dass die Kinder dem Einfluss der Mutter entzogen seien oder dass sie auswandern wolle. Seine Klage sei also inkonsequent.13
Das Urteil vom Cottbuser Gericht wird am 29. März 1940 verkündet. Darin steht zu den judenfeindlichen Bemerkungen:
“Diese Bemerkungen zeigen, dass nicht nur bei dem Kläger jede eheliche Gesinnung erloschen ist, dass er sogar bewusst darauf ausgegangen ist, die Beklagte, die immerhin noch seine Ehefrau und die Mutter seiner Kinder war, auf das Tiefste zu kränken.“14

Rechtsanwalt Hammerschmidt schreibt daraufhin an Elfriede:
„In Ihrer Ehescheidungssache hat das Gericht die Ehe […] geschieden und Ihren Ehemann für den allein schuldigen Teil erklärt und ihm die Kosten auferlegt. Das Gericht hat allein schon die Postabschnitte mit seinen beleidigenden Bemerkungen als genügenden Grund zum Schuldausspruch angesehen […].“15

Doch Elfriede erreicht dieses Schreiben nicht mehr. Sie befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer Zelle im Rathaus von Spremberg. Es ist das dritte Mal, dass sie aus fadenscheinigen Gründen verhaftet wurde. Dieses Mal soll eine Nachbarin, Frau Kühn, Elfriede einen Brief eines Soldaten in Spremberg gebracht, und Elfriede soll daraufhin den Soldaten zu einem Rendezvous gebeten haben. Wie solche Infos an die Polizei gekommen sind, ist fragwürdig und unklar. Die Ermittlungsakten, die in den Gerichtsakten noch erwähnt werden, sind verschollen. Doch der Soldat, Frau Kühn und Elfriede Rulla werden alle mit dem Vorwurf der versuchten Rassenschande verhaftet. Ob Frau Kühn und der Soldat bestraft wurden, ist bisher unbekannt.16
Die Rathauszelle, in der Elfriede inhaftiert wird, bestand laut einer Zeitzeugin aus nur einem Raum: darin der Schreibtisch für den Wachtmann und die Zelle. Nach 20 Tagen Haft nimmt sich Elfriede dort angeblich das Leben. Sie ist 45 Jahre alt. In ihrem Sterbeeintrag wird vermerkt: „Selbstmord durch Erhängen“ in den frühen Morgenstunden „zwischen 5 bis 7 Uhr“17. Es ist der 10. April 1940 – der Geburtstag von Elfriedes Mann Bruno. Was tatsächlich in der Zelle vonstatten ging, wird vermutlich nicht in Erfahrung zu bringen sein. Einen Tag später wird das Scheidungsurteil an Elfriede zugestellt. Durch ihren Tod wird es anschließend als wirkungslos beschlossen.18
Am 13. April 1940 wird Elfriede auf dem Waldfriedhof beerdigt.
Am 5. Oktober 2022 wurde in Spremberg durch den Künstler Gunter Demnig der erste STOLPERSTEIN verlegt: für Elfriede Rulla. An der Verlegung nahmen ca. 150 Personen teil, darunter viele Schülerinnen und Schüler.
Am 17. September 2024 wurden für die Geschwister Lieselore und Hans Rulla in Spremberg STOLPERSTEINE neben dem Stein ihrer Mutter verlegt.
| Rulla, Lieselore | Tochter |
| Rulla, Hans-Joachim | Sohn |
| Geschwister-Scholl-Straße 09 und 10 | letzter Wohnort, STOLPERSTEIN |
Zeitzeugenaussage:
Brandenburgisches Landeshauptarchiv:
Stadtarchiv Spremberg:
Standesamt Bad Muskau:
Online Archiv von ancestry.de:
Sekundärliteratur: